Poseidons Nixen oder der vermeintliche Sieg über die Evolution

Den Kragen hochgeschlagen kämpfe ich mich durch einen sinnflutartigen Regenguss Schritt um Schritt voran.
Ich habe es aufgegeben, mich auf meinem Fahrrad vorwärts zu bewegen, zu viel Wind, zu viel Regen, zu viele unberechenbare Verkehrsteilnehmer.
Der Bürgersteig erscheint mir als der sicherste Weg, um mein Vorhaben so schnell wie möglich in die Tat umzusetzen.

Drei Bier in einem Türkenimbiss mit Blick auf ein vor Fett triefenden Fleischspieß, einem rauchenden schwitzenden Koch und der Erkenntnis, an meinem derzeitigen Zustand etwas ändern zu müssen, bewegen mich zu diesem Ausflug.
Mutig, von innen oberflächlich gewärmt, bin ich nun auf der Suche nach dem Feuer, dass auch den Rest meines Körpers entflammen soll. Wenn auch nur kurz und ich schon jetzt den Verlust von etwas spüre, das ich noch gar nicht besitze.
Es ist schon lange her.
Sehr lange.
So lange, dass jemand wie ich bereit ist, den Glauben an die logische Abfolge von Dingen und die Gerechtigkeit des Seins in Frage zu stellen.
Ein nochmaliges Überdenken meiner finanziellen Situation und der sich daraus realisierbaren Möglichkeiten lassen mich kurzzeitig an der Richtigkeit des Ganzen Projektes zweifeln.
Aber es muss sein.
Die gegenteilige Option ist nicht akzeptierbar.

Während ich noch so meinen Gedanken hinterher hänge und meinen Plan um das eine oder andere Mal verwerfe, wieder aufnehme und als lächerlich abtue, total durchnässt, kurz vor einer Grippe stehend, nehme ich aus den Augenwinkeln einen periodisch rot flackernden Schein war, der meine Netzhaut durchdringt und sich aufdringlich in meinem Gehirn ausbreitet.
Die Farbe Rot.
Ein Blick hoch von meinen Schuhspitzen, die sich in einer immer größer werdenden Pfütze nicht besonders wohl fühlen, fällt auf die Leuchtreklame eines eindeutigen Etablissements, in dem das älteste gewerkschaftslose Gewerbe der Welt Männerseelen zu trösten verspricht.
Meine Kehle ist zu trocken um zu schlucken, ein verstohlener Blick nach links und rechts soll mich in Sicherheit wiegen. Schützen vor dem Bloßstellen durch etwaige Bekannte, Kollegen, Freunde, Exfreundinnen, die mit dem Finger auf mich zeigen. Ich schlendere bis zur nächsten Ecke und rauche unter einem kleinen Vorsprung hastig eine Zigarette, mit dem Blick auf die Eingangstür und dem rotleuchtenden, billig aussehenden Logo des Hauses.
Ein roter lüstern dreinschauender Pseudoposeidon, dessen riesiger Dreizack wohl einen Penis darstellen soll.
Da dieser in Strippen vom Himmel fallende Regen das Rauchunterfangen etwas schwierig gestaltet und ich mir in dieser Situation recht merkwürdig vorkomme, beschließe ich also, über mich selbst lächelnd, die "Gelegenheit" am Schopfe zu packen und hoffentlich eben nicht nur die.
Von der Ecke abstoßend, kräftigen Schrittes, schreite ich doch fast schon mit einer Art verzweifelten Stolzes Richtung Tür, lege die Hand auf die nasse kühle Klinke der poseidnischen Pforte und betrete...

...einen eher spartanischen sehr kleinen grauen Raum, mit einer provisorisch anmutenden Bar, einigen, alle unterschiedlich aussehenden, Sesseln und Stühlen, auf denen insgesamt etwa 12 Frauen ihren Blick in Richtung Tür schweifen lassen und im Gespräch verstummen.
Mein Gehirn war noch am abwägen, was mich nun mehr beeindruckte. Die Tatsache, dass ich mich in einem über die Maßen geschmacklosen übel riechenden billigen fensterlosen Raum befand oder die Tatsache, dass mich 12 Frauen, offensichtlich gelangweilt und, auf den ersten Blick die Hausmütterchenaltersgrenze überschreitend, fragend (wieso auch immer) anschauten.
Erwähnte ich schon, dass ich nicht nur der einzige notgeile Mann in dem Raum war, sondern auch der einzige überhaupt? Und wenn ich mir die Damen so nacheinander anschaute, wohl erstens schon seit einer Weile und zweitens wohl auch in naher Zukunft für eben eine weitere Weile.

Der Schwung, den ich an den Tag bzw. frühen Abend legte, als ich eintrat beförderte mich gleich einige Meter in den Raum, so dass ich mich in Höhe der Bar befand.
Rückweg zur Tür etwa fünf Meter.
Die Damen gewannen ihre Fassung schneller wieder als ich und bewegten sich nun normal, obwohl sie ihre Blicke noch immer nicht von mir ließen.
Ich hatte also zwei Möglichkeiten:
Mutig vorwärts den schmierigen Zweisitzer neben der Bar ansteuern (die Barhocker, zwei an der Zahl, waren besetzt) oder mir die Blöße des Rückzuges mit einem blöden Spruch auf den Lippen zu geben.
Meine Kreativität im coole Sprüche ausdenken war momentan allerdings ein wenig eingefroren, also entschloss ich mich zur unkreativeren Variante, lächelte nur so zur Übung den Zweisitzer an und ließ mich in ihn fallen.
Die Sicherheit vermittelnde Füllung unter meinem Hintern ließ mich mutig den Blick in die Runde schweifen.
So unbequem war das Teil auch gar nicht. Auch wenn ich vielleicht denke, dass in diesem Moment nichts wirklich unbequemer gewesen wäre, als die Situation selbst...
Wie auf Kommando und merkwürdig synchron erhoben sich zwei der Damen, begaben sich in meine Richtung und platzierten ihre Körper jeweils rechts und links neben mich.
Die Variante des Rückzuges erschien mir immer attraktiver, gleichzeitig allerdings immer unausführbarer.
Im Prinzip war die Situation ja klar, ich wollte etwas und hoffte es hier zu finden. Mich beruhigte der Gedanke, dass meine Absichten erkannt waren und ich mich in "professionellen" Händen befand.
Die obligatorische Frage nach einem Getränk lehnte ich dankend ab. Ich muss schließlich sparen.
Auf die Frage, wie das denn hier so laufe und ob ich mir jetzt einfach eine Dame aussuchen könne, antwortete man mir, ja, hier könne jede Dame im Raum mir ein Zimmer "zeigen."
"Jede Dame" klang erst mal gut, Zimmer ist egal.
Das Problem war nur, so oft ich auch nach dem Ausschlussprinzip die Damen in Betracht zog, umso weniger hatte ich überhaupt Bock auf eine von ihnen.
Bis mein Blick hinter die Bar fiel, wo ich einen Stern erblickte, der den Altersdurchschnitt in diesem Raum plötzlich unerhört nach unten drückte.
Gelangweilt ein Glas abtrocknend, das Gespräch desinteressiert aus den Augenwinkeln verfolgend, stand da ein doch recht ansehnliches östrogenes Exemplar.
Ich stütze mich von meinem mir Sicherheit vermittelnden bereits liebgewonnenen Zweisitzer ab, erhob mich langsam und schritt zur Bar.
"Sag mal, könntest auch Du mir ein Zimmer zeigen?"
In jedem Club wäre ich mit dieser Art der Ansage wahrscheinlich in die Arme eines zwei Meter großen Muskelberges namens Türsteher befördert worden, nicht so hier. Man beschränkte sich auf eine kurze knappe Ansage:
"Nää, ich bin hier die Chefin!"
Auch wenn ich mich für eine erfolgreiche selbständige Jungunternehmerin durchaus begeistern lassen würde und dies wenigstens in Gedanken mit einem anerkennenden Nicken würdigte, schien dies wohl nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen.
Klar, die Dame kannte mich ja nicht.
Aber so soll es wohl sein. Abgeblitzt, mich nicht trauend die übriggebliebenen Varianten abzuwägen, schlenderte ich zu Freund Zweisitzer zurück.
Insgesamt müssen wohl so an die zehn Minuten vergangen sein, was aber der "Chefin" ausreichte um mich darauf aufmerksam zu machen, dass dies hier kein Bahnhof sei und ich solle doch zur Sache kommen.
Nun muss man bedenken, dass ich immer noch dabei bin, mir die Damen irgendwie anregend und schön zu denken und einige der Ansagen unserer kleinen erfolgreichen Jungunternehmerin störten diesen kreativen Versuch ungemein.
"Also einige der Damen würden jetzt gerne Sekt trinken!", tönte es links oder rechts oder beidseitig synchron von mir.
"Bitte macht das, aber ich sehe da bei mir keine Bedarf!" erhob mich leicht bis mittelmäßig genervt nach der letzten Ansage der Rudelführerin und konnte es mir nicht verkneifen, bevor ich Poseidons Schoss ohne eine Ariel gefunden zu haben, verließ, darauf aufmerksam zu machen, dass man so mit Kundschaft nicht umgehen sollte. Ich wetterte, dass ich hier ja wohl offensichtlich der einzige Kunde sei und man sich schon etwas um Service und Kundenzufriedenheit bemühen könne. Zum Abschluss äußerte ich meinen Unmut darüber, dass dieses Etablissement unter aller Sau sei und drohte inbrünstig, dass ich definitiv nie wieder einen Fuß hier hinein setzten werde.

Mit diesen Worten schritt ich zurück in den Regen, der, um meine Laune noch ein wenig mehr zu strapazieren, inzwischen von allen Seiten zu kommen schien. Ich glaube sogar, um mindestens vier bis fünf Grad kälter als zuvor.

Poseidons Rache.

Möge ihm sein Dreizack abfaulen und seine Nixen ihm dafür vergeben.

Verzweiflung, Not und Lust sind eine gefährliche Kombination und lassen einen Dinge tun, die manchmal irrational erscheinen mögen, aber im Moment des Geschehens unausweichlich und notwendig werden.

Da wandere ich nun auf den überfluteten Pfaden dieser reizüberfluteten Stadt und versuche mich als Schiedsrichter im Kampf zwischen meinem Gehirn und meinem Körper zu behaupten.

Auf der einen Seite ein Jahrtausende altes animalisches Überbleibsel mit Namen Fortpflanzungstrieb, das mächtig genug ist, Kriege auszulösen, Völker zu vernichten und Unzählige leiden zu lassen (ich passe da gerade sehr gut hinein) und auf der anderen Seite dieses stückchenweise der Evolution abgerungene menschliche als Gewissen definierbare Etwas alias Vernunft.

Kurz: Sex oder Sparen!

Ich bin ein Mann. Die Entscheidung ist gefallen. Scheiß auf evolutionsbedingte Fortschritte in der Macht über unseren Entscheidungen.
Da war doch noch so ein kleiner Puff in der Nähe meiner Wohnung.
Hab ich mal gehört...

to be continued....
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